Zugegeben, „Kloster Schwalmtal“ ist die weit weniger bekannte Bezeichnung dieser Location. Man hat uns allerdings freundlich gebeten, möglichst nicht den „richtigen“ Namen zu benutzen, um nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf das Objekt zu lenken, als es in gewissen Kreisen eh schon hat. Warum? Dafür müssen wir eine Zeitreise in eine dunkle Epoche Deutschlands unternehmen. Eine Epoche, in der menschliche Grausamkeiten trauriger Alltag waren. Eine Epoche unfassbarer Gräueltaten, für die man selbst heute nur schwer Worte findet. Es geht zurück ins Dritte Reich.

Die Jahre der Franziskaner

Die Anlage wurde zwischen 1909 und 1913 von den Brüdern des Franziskanerordens als Heim- und Arbeitsstätte (St. Josefsheim) für bis zu 600 männliche Behinderte erbaut und verfügte neben einer Kirche und einer Schule noch zusätzlich über einen Verwaltungstrakt sowie mehrere Werkstätten und Wohnblöcke. Die Franziskaner lebten und arbeiteten hier viele Jahre, bis ab 1936 die sogenannten „Klosterprozesse“ des NS-Regimes auch Brüder des St. Josefsheims trafen. Durch die juristische Verfolgung von homosexuellen Priestern im Nationalsozialismus, wurden einige Ordensbrüder des Klosters der „Unzucht zwischen Männern“ und „Unzucht mit Zöglingen“ angeklagt. Das endgültige Aus der Heim- und Arbeitsstätte besiegelte allerdings eine etwa zur gleichen Zeit gegen den Orden verhängte hohe Geldstrafe wegen Devisenvergehens. Aufgrund dieser Vorfälle musste der Orden die Stätte aufgeben und verließ St. Josefsheim im Frühjahr 1937.

Die Jahre der Nazis

Kurz danach wurde die Anlage vom heutigen Landschaftsverband Rheinland aufgekauft und als Teilanstalt der Heil- und Pflegeanstalt Süchteln-Johannistal mit knapp 900 Betten weitergeführt. Aufgrund einer 1939 eingeführten Meldepflicht für behinderte Neugeborene, wurde das bisherige „Schutzengelhaus“ der Anlage zu einer „Kinderfachabteilung“ mit ca. 200 Betten umgebaut. Ziel solcher Abteilungen war das systematische töten behinderter Kinder und Jugendlicher durch Vergiftung (Meist durch mehrfache Verabreichung von Luminal) oder Hungertod. Sobald der Befund des damaligen Arztes auf „angeborenem Schwachsinn“ oder „Bildungsunfähigkeit“ lautete, war das Todesurteil des Kindes unterschrieben. Es gab mindestens dreißig solcher Tötungsanstalten im Herrschaftsgebiet der Nazis, in denen mehr als 5.000 behinderte Kinder und Jugendliche getötet wurden. Aber selbst diese Zahlen deuten das abscheuliche Ausmaß der Euthanasie-Gräueltaten des Dritten Reiches nur an.

Die Jahre der Briten

Die Anlage wurde 1943 aufgelöst und anschließend als Ausweichkrankenhaus und später als Schule und Erziehungsheim genutzt. 1951 beschlagnahmte die britische Armee zuerst weite Teile der Anlage als Lazarett, bevor Sie schließlich das gesamte Areal anmieteten und von 1963 – 1991 als britische Kent-Schule nutzten.

Heutige Nutzung

Direkt neben dem Areal befindet sich heute eine Gedenkstätte für die Opfer der NS-Psychiatrie.

Seit einigen Jahren kann man für das Gelände eine offizielle Fototour buchen. Im Rahmen dieser Tour kann man das Gelände und weite Teile der Gebäude sowie der erhaltenen Kirche besichtigen und fotografieren. Aufgrund moderner Sicherheitsmaßnahmen, rate ich dringend von einem „Urbex“-Besuch dieser Location ab. Ein „Lost Place“ ist kein Abenteuerspielplatz. Wer erwischt wird, muss mit einer sofortigen Anzeige wegen Hausfriedensbruch rechnen. Es gibt leider immer noch zu viele Unverbesserliche. Bucht lieber eine offizielle Tour und ihr könnt euch dort weitestgehend frei bewegen und für ein paar Stunden stressfrei fotografieren.

Quelle(n):

Geschichte der NS-Psychiatrie in Waldniel-Hostert
Kinderfachabteilung – Wikipedia
Fototour in der Kent-Schule